Die Bedeutung von As

Der altnordische Name dieser Rune lautet Ás (Plural: Æsir) und bezeichnet einen Gott aus dem Geschlecht der Asen – jener mächtigen Gottheitenfamilie, der auch Odin, Thor und Tyr angehörten. Das Wort geht auf das urgermanische *ansuz zurück, das seinerseits mit dem Proto-Indoeuropäischen *h₂ens- im Sinne von „göttliches Wesen" oder „Lebenskraft" verwandt ist. In der altnordischen Weltanschauung standen die Asen für Ordnung, Weisheit und die Bewahrung des kosmischen Gleichgewichts.

Auf der symbolischen Ebene ist As untrennbar mit Odin verbunden, dem Allvater und Herrn der Runen. Der Mythos erzählt, dass Odin sich selbst neun Nächte lang am Weltenbaum Yggdrasil opferte, um das Wissen der Runen zu erlangen. As verkörpert daher nicht nur die Gottheit selbst, sondern auch das göttliche Wort – galdrar, die magischen Gesänge und Beschwörungsformeln, mit denen die Asen Einfluss auf Welt und Schicksal nahmen. Die Rune steht für Sprache als Werkzeug göttlicher Macht.

In der Deutungstradition der Wikingerzeit wurde As mit Inspiration, Weissagung und übernatürlichem Wissen in Verbindung gebracht. Skalden und Runenmeister sahen in ihr ein Zeichen für Odins Einfluss auf menschliche Rede und Dichtkunst – die skáldskaparmál, die Dichtersprache, galt als Geschenk Odins und damit als Ausdruck der As-Rune. Wer unter dem Schutz dieser Rune stand, galt als von den Göttern begünstigt in Wort, Weisheit und visionärer Erkenntnis.

Als vierte Rune im Jüngeren Futhark nimmt As eine zentrale Position in der Folge ein. Nachdem die ersten drei Runen Fé (Reichtum), Úr (Kraft) und Thurs (Chaos/Riesen) die materielle und elementare Welt beschreiben, öffnet As mit dem Göttlichen eine neue Sphäre. Diese strukturelle Position unterstreicht die Rolle der Götter als ordnende Macht, die das Chaos der Thursen bändigt – ein Motiv, das sich durch die gesamte nordische Mythologie zieht.

As auf einen Blick

Positiv

Göttliche Inspiration, Weisheit und Sprachgewalt; Schutz durch die Asen; Klarheit des Geistes und prophetische Fähigkeit.

Herausfordernd

Überheblichkeit durch vermeintliches Gottesgnadentum; Missbrauch von Worten als Machtinstrument; Gefahr, Eingebungen mit Fakten zu verwechseln.

Sprachlich

Lautwert A / O, altnord. Ás

Zeitraum

ca. 700–1100 n.Chr., Wikingerzeit

Unterschied zum Elder Futhark

Im Elder Futhark – dem älteren 24-Runen-Alphabet, das vom 2. bis etwa zum 7. Jahrhundert n.Chr. gebräuchlich war – entspricht As der Rune Ansuz (ᚨ), der achten Position im älteren Alphabet. Ansuz teilt denselben etymologischen Ursprung im urgermanischen *ansuz und dieselbe Grundbedeutung: göttliches Wesen, Atem, Sprache.

Beim Übergang zum Jüngeren Futhark, der sich ungefähr im 7. und 8. Jahrhundert vollzog, wurde das Runenalphabet von 24 auf 16 Zeichen reduziert. Diese Vereinfachung ging paradoxerweise mit einer Erweiterung des lautlichen Anwendungsbereichs einzelner Runen einher: As übernahm nun die Laute A und O, die im Elder Futhark noch durch separate Runen (Ansuz für /a/ und Othalan/Óðalan für andere Vokalverbindungen) differenziert wurden. Damit musste As einen breiteren phonetischen Bereich abdecken als sein Vorgänger Ansuz.

Auch die grafische Form veränderte sich. Ansuz im Elder Futhark zeigt einen Hauptstab mit zwei diagonalen Hilfsstrichen, die nach rechts oben weisen und an eine stilisierte F-Rune mit gedrehten Ästen erinnern. Die jüngere As-Rune (ᚬ) zeigt eine vereinfachtere, regional variierende Form: häufig ein Hauptstab mit einer kleinen Schlaufe oder einer einfachen diagonalen Linie, die die Herkunft noch ahnen lässt, aber deutlich reduzierter wirkt. Diese Vereinfachung spiegelt den allgemeinen Trend zur Rationalisierung der Runenformen in der Wikingerzeit wider.

Historische Funde

Die Rune As ist auf einer Vielzahl skandinavischer Runensteine der Wikingerzeit belegt. Besondere Bedeutung hat der Rök-Stein (Östergötland, Schweden, ca. 800 n.Chr.), der längste erhaltene Runentext überhaupt mit über 700 Runen. Obwohl er primär im Jüngeren Futhark verfasst ist und As als Lautzeichen häufig vorkommt, ist er für die Interpretation der Rune im sprachlichen Kontext wegweisend.

In Dänemark finden sich Belege auf den Jelling-Steinen (ca. 965 n.Chr.), den bedeutendsten Denkmälern der dänischen Wikingerzeit. Der große Jelling-Stein, errichtet von Harald Blauzahn, enthält As in verschiedenen Wörtern und belegt die reguläre Verwendung der Rune für den A- und O-Laut in der späten Wikingerzeit. Die Inschriften der Jelling-Steine gelten als «Taufschein Dänemarks» und zeigen, wie Runen in offizielle Herrschaftsdarstellungen eingebunden wurden.

Weitere Funde stammen aus dem Raum Hedeby (heute Haithabu, Schleswig-Holstein), dem wichtigsten Handelsplatz der Wikinger im südlichen Skandinavien. Dort gefundene Holzstücke und Kleinfunde mit Runeninschriften zeigen As in Alltagsverwendungen, etwa in Personennamen und kurzen Besitzerinschriften. Auch auf gotländischen Bildsteinen des 8.–11. Jahrhunderts taucht die Rune regelmäßig in Begleittexten auf.

Runengedicht

Zu den wichtigsten Quellen für die Deutung der Runen des Jüngeren Futharks gehören die mittelalterlichen Runengedichte: das Norwegische Runengedicht (Runaljóð, überliefert in Handschriften des 12.–13. Jahrhunderts) und das Isländische Runengedicht (ca. 15. Jahrhundert). Beide gehen auf ältere Traditionen zurück und enthalten für jede der 16 Runen eine kurze Strophe mit symbolischer Charakterisierung.

Das Norwegische Runengedicht enthält zur As-Rune folgende Strophe (altnorwegisch mit Übersetzung):

Originaltext (Altnorwegisch):

Óss er flæstra ferða / för; en skalpr er svæþa.

Übersetzung:

„Der Fluss ist Weg der meisten Fahrten; doch das Schwert ist [Weg] der Schwerter."

Bemerkenswert ist, dass das Norwegische Runengedicht hier mit einem Wortspiel arbeitet: Óss bedeutet sowohl den Gott (As/Ás) als auch den Fluss oder die Flussmündung (ós). Diese Doppeldeutigkeit ist für die Runenpoesie typisch und verweist darauf, dass Runen in der altnordischen Tradition stets mehrere Bedeutungsebenen gleichzeitig aktivierten. Das Isländische Runengedicht greift diese Doppelbedeutung ebenfalls auf und charakterisiert Óss als „Ursprung der meisten Sprache / Schmuck der Weisheit / Trost der Weisen / Freude jedes Edelmanns".

Häufige Fragen zu As

Was bedeutet die Rune As heute?

In modernen runologischen und spirituellen Kontexten wird As meist als Symbol für Kommunikation, Inspiration und göttliche Führung interpretiert. Sie wird mit Odins Weisheit und der Kraft des gesprochenen und geschriebenen Wortes in Verbindung gebracht. Historisch belegt ist diese Deutung durch die altnordischen Runengedichte und die mythologische Rolle der Asen als sprachbegabte, wissende Götter.

Wie schreibt man die Rune As?

Die Rune As wird im Jüngeren Futhark als ᚬ dargestellt – das Unicode-Zeichen ist U+16AC. In Inschriften zeigt sie typischerweise einen vertikalen Hauptstab mit einer kleinen Schleife oder einem Querstrich im oberen Bereich, wobei die genaue Form je nach Region und Zeitraum variierte. In modernen Texten wird sie oft durch den Unicode-Runenblock wiedergegeben.

Was ist der Unterschied zwischen As und Ansuz im Elder Futhark?

Ansuz (ᚨ) ist die achte Rune des 24-Runen Elder Futharks und der direkte Vorläufer von As. Beide tragen dieselbe Grundbedeutung (göttliches Wesen, Odin, Sprache) und gehen auf das urgermanische *ansuz zurück. Im Jüngeren Futhark wurde das Alphabet auf 16 Runen vereinfacht: As übernahm dabei die Funktion des Ansuz, deckt aber zusätzlich den O-Laut ab, der im Elder Futhark anderen Runen zugeordnet war. Die grafische Form vereinfachte sich ebenfalls gegenüber dem älteren Ansuz.

Auf welchen Runensteinen findet man die Rune As?

As taucht auf nahezu allen Runensteinen der Wikingerzeit auf, da sie als häufiger Vokal (A und O) in Wörtern und Namen unentbehrlich war. Besonders bekannte Denkmäler mit As-Vorkommen sind der Rök-Stein (Schweden, ca. 800 n.Chr.) mit dem längsten erhaltenen Runentext, die Jelling-Steine (Dänemark, ca. 965 n.Chr.) sowie zahlreiche Runensteine in Uppland (Schweden) aus dem 10. und 11. Jahrhundert.